Ein Experiment gegen Sehschwäche

 

Ich habe mir eine neue Brille zugelegt. Zusätzlich zu den beiden anderen, die ich schon habe. Luxus, meinst du? Naja, könnte man so sehen. Sie hat nichts gekostet, wenn dich das beruhigt. Früher hatte ich auch schon mal so eine. In längst vergangenen Kindertagen.

Eine Kinderbrille? fragst du. Ich druckse herum. Schwer zu erklären.

 

Sagen wir so: Sie ist ein Experiment. Ich habe eine kleine Sehschwäche entdeckt. Ich würde die Welt gerne mal wieder anders sehen. Aus anderer Perspektiver. Weniger erwachsen. Sehen, was ich sonst übersehe.

Hier also ist das Experiment: Ich werde einige Tage mal ohne Plan und Ziel meine Haustür öffnen und einfach für eine halbe Stunde in die Welt hinauswandern. Sinn-los, zweckfrei und leicht-sinnig. Ich werde gehen, wohin der Wind mich treibt; reden, mit wem ich gerade lustig bin und mal richtig ansehen, was da so kreucht und fleucht. Entdecker sein. Schmecken, fühlen, riechen und alles anfassen.

Oder vielleicht kurz gesagt: ich will mal wieder spielen. „Also hör mal!“, wendest du empört ein. „In deinem Alter sollte man den Ernst des Lebens doch begriffen haben.“ „Eben deshalb“, sage ich dir. „Ich will wieder spielen.“

 

Wurden Adam und Eva etwa nur geschaffen für den Ernst des Lebens oder auch für die Lust am Leben in einem gerade frisch erblühten Garten? Ermunterte Gott sie, artenspezifisch zu katalogisieren oder erfinderisch für emsige Ameisenbären und verträumte Siebenschläfer Namen auszudenken? Schwer vorzustellen, dass Gott zur Eile mahnte, als Eva im Schatten liegend den ersten Granatapfel bewunderte oder Adam antrieb beim Spazierengehen mit einem: „Hast du denn nichts Besseres zu tun?“

Irgendwie ist unser Dasein seit dem Garten Eden ganz schön komplex geworden. Wir wissen so viel und begreifen so wenig. Haben verlernt, wofür wir geschaffen sind. Planen die Investition unserer Zeit wohlüberlegt, sind perfektionierte Meister darin, effizient jeden Zeitschnipsel auszunutzen und wundern uns, dass das Leben irgendwie einfarbig geworden ist. Denn es wurde geschaffen für’s Staunen, den Genuss, die Welt zu erobern und zu lieben. Doch gerade bei all dem geizen wir mit jeder Minute. Hey, dabei hat er uns doch alle Ewigkeit geschenkt!

 

Unsere Kinder hingegen haben irgendwie geschafft, sich ein Stück Paradies erhalten. Als ich meiner Drei-Käse-Hoch-Tochter zum ersten Mal vom unterirdischen Zuhause der Kaninchen erzählte, wurden ihre Augen vor Staunen ganz weit. Eine ganze unbekannte Welt unter Tage? Das roch nach Abenteuer, Labyrinth und guten Verstecken. Wann haben wir nur diese großen Augen verloren und unsere vielen Fragen? Wann ist die Faszination ersetzt worden durch die träge Gleichgültigkeit?

Kinder finden viele Wunder, jeden einzelnen Tag. Ich kann meine von gestern im Wesentlichen an sehr wenigen Fingern abzählen. Deshalb will ich mal die vernünftige Brille der Abgeklärtheit gegen Spiel und Spaß eintauschen. Mich vor die Tür treiben lassen vom Entdeckergeist und purer Lebensfreude, leichten Herzens wie Pipi Langstrumpf aus der Reihe tanzen und die Zeit verplempern. Und ich höre Gott hinter mir vor Freude lachen.

 

Letzten Endes ist es immer das gleiche, wenn man mit einer neuen Brille unterwegs ist: Man muss etwas mehr auf den Weg achten. Sonst folgt man in diesem Fall gern ausgetrampelten Pfaden und alteingesessenen Mustern. Ne, heute mal kein Spaziergang, um die Kinder zu ermüden, die überschüssige Kalorien zu verbrennen oder den Schrittzähler glücklich zu sehen. Ohne all das und einfach so. Dem Samen einer Pusteblume die Freiheit schenken. Mal wieder den Duft von Gras riechen, über pelzige Blätter streichen, sich unter das grüne Dach des Waldes stellen und in den Himmel staunen. Die Augen schließen und dem Wind zuhören. Wie er säuselt und dann mit einem Wusch die Haare wild zur Sturmfrisur zerzaust und rauschend ein Fest für die Sinne feiert.

 

Mal den donnergrollenden Himmel aushalten und nicht gleich rufen: Hey, kommt rein, es wird gleich regnen! Sich mit ausgestreckten Armen unter eine platschende Regendusche stellen und die Tropfen auf dem Gesicht spüren, wie vom Himmel gefallene Freudentränen.

 

Oder mal in die Stadt gehen, ohne Geld, Einkaufsliste oder sonst irgendwas. Vielleicht triffst du eine und kannst ihr den Tag verschönern. Oder entdeckst beim kleinen Lokal-Theater um die Ecke was äußerst Interessantes. Ruhst dich ein bisschen aus im Schatten der alten Allee, die dir tatsächlich noch nie aufgefallen ist. Denn sie liegt sonst nicht auf deinem Weg.

 

Lass mal die Kirche im Dorf und setz dich einfach in eine ihrer schlichten Holzbänke. Hör mal zu, vielleicht sagt einer was. Oder dein Herz flüstert. Und nebenan der verfallene Friedhof, mit seinen alten Träumen und vergrabenen Lebensgeschichten. Lehmige Erde und Tatendrang bleiben an den Schuhsohlen kleben.

 

Ich habe beschlossen die neue Brille zu behalten. Sie tut mir Blickwinkel auf, die ich schon längst vergessen oder noch nie entdeckt habe. Seit neulich bin ich übrigens nicht mehr allein unterwegs auf meinem Experiment, zwei haben sich zu mir gesellt, meine verlorene Neugier und eine neue Sehnsucht. Gummistiefel an, und lachend rennen wir zu dritt die Straße entlang.

 

Wenn man einfach so los geht, hat man keine Vorstellungen, was um die Ecke auf einen wartet. Un-Erwartetes tut der Seele gut, jeder wird doch gerne überrascht. Und so habe ich dieser Tage außerdem noch verborgene Wortschätze aus Büchern gehoben und winzige vorüberhuschende Lebewesen eines Blickes gewürdigt. Habe Apfelblüten auf mich schneien lassen und einem Vogel-Konzert applaudiert.

 

Ach, ich muss wirklich sagen: Experiment gelungen. Das Glück am Leben ist wieder wachgekitzelt. Die Welt ist wahrhaftig voller Wunder und ich habe wieder beide Hände voll zu tun, sie zu zählen.

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