Gott treibt es manchmal ganz schön bunt

 

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und bleibt am liebsten schüchtern unter seinesgleichen.

 

Ok, eigentlich wollte ich Farbe bekennen: Ich bin ein christliches Faultier mit der schlechten Angewohnheit in meiner Bequemlichkeit sitzen zu bleiben mit denen, die genauso blass und deutschsprachig sind wie ich, das gleiche speisen, tragen und anbeten und über dieselben Witze lachen.

 

Hach, wie entspannend ist ein Abend bei Wein und Gesang, wenn wir unter uns sind. Ich bin ja schon immer gastfreundschaftlich gewesen, aber mal ehrlich Hand aufs Herz: Am schönsten ist es doch, wenn man weiß, dem anderen werden die Bratwürste genauso gut schmecken? Es gibt wenig bis keine Fettnäpfchen, die es zu umschiffen gilt und kein peinliches Herumstottern ob Allah und mein himmlisches Götter-Dreieck ein und dieselbe Person sind.

 

Ich mag es wahrlich nicht so gerne, wenn sich irgendwer hinter die Fassade meiner gemütlichen Gewohnheits-Welt drängt. Da lob ich mir die internetfreien Zeitalter der Vergangenheit. In meiner Ära von Globalisierung und neuen Medien scheint jede fremde Not gleich höchstpersönlich bei mir im Wohnzimmer zu stehen, will meine Privatsphäre überrollen mit der Gewalt eines Tsunami. Und ich sitze wie platt gedrückt von den Schockwellen, die mich aus jedem News-feed anspringen wollen.

Was könnte ich einzelnes, schwaches Menschenkind jemals gegen diese Übermacht des Bösen, solchen Herzschmerz und alle unerhörten Missstände dieser Welt ausrichten?! Natürlich werde ich mich über das eine oder andere etwas höflich empören, den Kopf missbilligend schütteln. Innerlich meine Finger auf alle anderen als mich selbst richten, um schnell die Verantwortung abzuwälzen und die ächzenden Kummer-Riesen zurück hinter ihre sichere Scheibe drücken. Und wie ein Kind, das einem Märchen lauscht, denken: Unwahrscheinlich und gruselig, diese Mär aus einer anderen Welt, aber vielleicht muss man nur lange genug durchhalten bis zum Happy-End „denn wenn sie nicht gestorben sind, haben sie ja doch überlebt.“

 

Doch dann stehen sie plötzlich leibhaftig hier auf der Fußmatte meines Vaterlandes, diese Fremden, die Bekopftuchten, die Verehrer anderer Götter, die Verzweifelten, die Heimatlosen, die vom Tode Bedrohten. Mit abgelaufenen Schuhen und zerrissenen Herzen, getrieben von der Sehnsucht nach Zukunft. Bevölkern die Gassen meiner Stadt und drängen sich mitten auf meinen Lebensweg.

Und ich will erst mal meine Arme vor der Brust verschränken und abwehrend abwarten. Und wir spekulieren unter den Meinesgleichen die komplexe politische Situation: Können wir das wirklich schaffen, wie uns einfach unterstellt wurde?

 

Und dann klettert einer der Fremden über meinen Gartenzaun und drängt mit seiner Not in meinen Alltag und ich muss mich vom grünen Tisch, an dem ich gerade noch diskutiert habe, mal blitzschnell erheben und für mich selbst denken. Mich besinnen, welchen Befehl ich an meine Hände schicken will: Sie dem Eindringling entgegenzustrecken, um ihn zu begrüßen, oder sie in den Hosentaschen verschwinden zu lassen.

Und zaghaft gestehe ich mir ein, dass ich mir beim besten Willen den göttlichen Sohn – zu dem ich doch gehören will – nicht als Untätigen denken kann, die Hände in den Zimmermannshosen vergraben. Oder den lieben Gott als unbeteiligten Zuschauer, abwartend die Arme über der Brust verschränkt. Als einen Gleichgültigen ohne Meinung oder als feindlichen Parolen-Brüller.

Schließlich war Gastfreundschaft ursprünglich seine Erfindung. Noch nie fand ich seine Herzenstür ohne Willkommensschild. Der Tisch ist immer gedeckt, als hätte er mich erwartet. Und es scheint, in seinem dicken Schmöker, den er mir nochmal zum Nachlesen hinterlassen hat, gibt es nur eine Antwort auf meine Frage: Dem Fremden Herberge zu geben, den Hungrigen an den Tisch einzuladen –  genauso als würde er Gott selbst vor mir stehen mit schmerzverzerrten Gesicht. Salzig von Meerwasser und Tränen. Mit durchlöcherten Schuhen und verschwitzt von einem endlos langen Weg. „Verpass mich nicht“, scheint er zu rufen. „Verpass mich nicht, weil du an heiligeren Orten nach mir suchen willst. Hier ist heilig.“

 

Ich stelle seufzend fest, manchmal treibt es Gott wirklich ganz schön bunt mit der Liebe. Seine Farbenpracht lässt mich wie eine Grauzone dastehen. Schwarze, Weiße lädt er ein, Bleichgesichter, Gelbe, Rote, die die Grün wählen, und alles dazwischen, auf dass sein Haus voll werde wie eine Villa Kunterbunt: Bitteschön, da bin ich mitten unter euch, in all den Farbigen, die mein Ebenbild tragen!

 

Gott hat in diesem Land einen reichen Tisch gedeckt. Oder glauben wir wirklich, dass diese übervollen Schüsseln nur das Werk unserer Hände sind? Hat er nicht vielmehr den Himmel über uns geöffnet und seinen Segen über uns regnen lassen, damit wir alle genug haben? Denn er will Fremde an unsere Tafel schicken, die wir nicht erwartet und nicht eingeladen haben, damit wir gemeinsam seine Güte feiern und alle satt werden.

 

Nein, diese zerbrochene Welt, an der mein fremder Tischnachbar so leidet, ich kann sie nicht heilen. Kann den Krieg nicht stoppen, die Narben nicht ungeschehen machen, seine Erinnerungen nicht wegblasen und sein gebrochenes Herz nicht wieder zusammenfügen. Doch ich kann das Brot brechen und teilen, im Angesicht unserer Feinde. Dafür muss ich kein Held sein, sondern einfach einer, der den Höchsten beim Wort nimmt und demütig feststellt, dass wir alle eigentlich nur Gäste Gottes sind.

 

Ja, ich will! Um Gottes Willen und in seinem Namen will ich die Hände aus den Hosentaschen nehmen und überrascht feststellen wie ich durchs Teilen reich werde und Gott mein farbenblindes Herz gesund küsst. 

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