Am Anfang war das Wort

 

Erwähnte ich schon einmal, dass ich nicht so der 6-Uhr-Morgens-Stille-Zeit-Typ bin, der im Schein dämmriger kleiner Schreibtischlampen sich frühmorgens in den göttlichen Besteller vergräbt und gebetsmühlenartig alle Fürbitten gen Himmel schickt? Denn bis ich halbwegs ansprechbar bin für Gott und die Welt, vergehen mindestens zwei volle Stunden und dann tobt der Alltag bereits ausgelassen durch meine Welt.

Deshalb liebe ich meine Ein-Wort-Gewohnheit. Ich weiß, das hört sich nach Sparflamme an, aber da Einer, der es wissen muss, überzeugt versicherte: „Nur ein Wort vom Himmel und meine Seele wird gesund“, will ich ihn jetzt einfach mal beim Wort nehmen.

Ein einziges Wort, das ist selbst für verschlafene Nachteulen wie mich kein Ding der Unmöglichkeit. Und so schicke ich ein stummes Fragezeichen gen Himmel – morgens zwischen erstem Kaffee und dem Zurechtzurren pinker Kinderstrumpfhosen – mit der schlichten Bitte: Schenk mir ein Wort für meine Seele.

Manchmal lasse ich mich zu schnell ablenken von umgeschütteter Frühstückmilch, aber recht oft fällt mir tatsächlich ein Wort ins Herz. Macht mich mal gelassen, froh gestimmt oder wachsam. Manchmal sind die Worte, die den göttlichen Geist scheinbar schon in den Morgenstunden bewegen so erstaunlich, wie ein frischer Waschlappen im verschlafenen Gesicht. Und manchmal wird das Wort ein Rettungsring.

 

Neulich meinte ich das Wort „Wundern“ zu hören und ich war, wann immer es mir wieder einfiel, auf der Suche nach Dingen, die mich verwundern könnten. Man wundert sich ja über vieles heutzutage. Aber ich beschloss, dem Wundern über unausgegorene Brexit-Pläne, Ellenbogen-Gehabe an der Supermarkt Kasse und den fünf Lagen Plastikverpackung für Haferkekse mal nicht zu viel Platz einzuräumen. Dafür vielmehr dem Entdecken von Wundern, an denen ich mich erfreuen konnte. Wie den milchig weißen Herbstblättern im Garten oder dem Lächeln das wie ein Bumerang zurückfliegt, wenn ich wildfremde Menschen mit einem Kompliment beschenke. Ich bewunderte die Gelassenheit einer Zwillingsmama und die Farbenexplosion im Turban der Afrikanerin, die vor mir in der Bahn saß. Und es war wunder-voll.

Irgendwann letzte Woche war das Wort, das man mir früh morgens zuflüsterte: Genug. So oft ist mein Tag geschäftig beschäftigt mit meinem „eben-gar-nicht-genug“. Hier und auch dort genüge ich nicht. Ich bin nicht genug, habe nie genug. Doch tatsächlich. An dem kleinen Wort „Genug“ wird meine Seele gesund.

Oder mir fiel unerwartet das Wort Tatendrang in den Schoß und ich spürte wirklich den Drang in mir mich heute zu neuen Taten aufzuraffen. Die Routine zu durchbrechen und die Welt ein bisschen auf den Kopf zu stellen.

Ich kann in den ersten Morgenstunden nicht viele um mich ertragen, aber das Wort vom Himmel ist mein früher Vogel geworden. Er kommt immer wieder mal vorbeigeflattert und zwitschert sich in Erinnerung, mitten in meinem Alltagsgeplapper. Oder er breitet die Flügel aus, für einen Moment Schweigen mitten im Stimmengewirr.

Am Anfang war das Wort. Schon bei vielen göttlichen Angelegenheiten. Auf sein Wort hin wurden Schlachten geschlagen und Unglaubliches gewagt.

Und lieber Himmel, so sitze ich hier wieder im Morgengrauen mit meiner Kaffeetasse und das Morgenrot blinzelt. Hast du ein Wort für mich?

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