Fürwahr

 

 

„Ostern wird dieses Jahr anders sein“, sagt Angela Merkel in ihrer Rede zum Volk. Nicht so, wie wir es gewohnt sind. Wie es vertraut ist.

Immer wieder muss ich meinen Kindern versprechen, dass Ostern nicht ausfällt und wühle mich panisch durch die Kellerschubladen nach Eier-Färberesten vom Vorjahr. Ostern fällt nicht aus, auch wenn der Oma-Besuch verschoben ist, für die Osternester nur drei dürre Büsche im heimischen Garten zur Verfügung stehen und ich heimlich immer wieder online den Status der Geschenke-Bestellung überprüfe und inbrünstig hoffe, dass Hermes sein Versprechen hält.

 

 

Angela Merkel hat recht. Dieses Ostern wird anders sein. Es wird mit liebgewordenen Traditionen und Wohlfühlfaktoren und Familienfesten brechen.

 

Doch ich spüre - während wir uns auf diese Tage vorbereiten - eine ungekannte Nähe, eine neue Betroffenheit mit dem Geschehen, an das wir uns erinnern.

 

 

 

Es ist Donnerstag.

 

Der Abend vor der Krise und alles ist wie immer. Noch ahnt man nichts von dem Ungeheuerlichen. Die Jünger sitzen beim Passahfest. Im Freundeskreis. Sprechen die vertrauten Gebete. Man sitzt und feiert. Gesund und ahnungslos. In großer Runde. Mit gutem Essen, und sogar einem Glas Wein zur Feier des Tages. So wie jedes Jahr.

 

 

Nur Jesus scheint seltsam in sich gekehrt. Obwohl er diese Zeiten sonst so liebt. Er spricht in Rätseln. Von Todesahnung und schweren Zeiten.

 

Die Vorlauten korrigieren ihn. Verweisen auf ein fürsorgliches Gesundheitssystem und die Kiste mit Atemmasken unterm Tisch. Fühlen sich sicher und gewappnet im Falle eines Falles.

 

 

Jesus lässt sich nicht überzeugen. Er weiß, einer ist schon infiziert mit der Dunkelheit. Doch Jesus hält keinen Sicherheitsabstand, taucht in dieselbe Schüssel, reicht ihm das Brot. „Nimm und iss. Das ist mein Leib, für dich gegeben.“

 

Danach erhebt sich der Todesengel und geht hinaus. Seine Gestalt wirft weitreichende Schatten.

 

 

 

Es dämmert.

 

Auch Jesus steht vom Tisch auf, „Kommt“ sagt er, „lasst uns in den Garten gehen.“

 

Sie lassen sich gerne ablenken. Genug der Schwarzmalerei. So schlimm wird’s schon nicht werden. Ein bisschen frische Luft schnappen. Ein Spaziergang in der Abendsonne.

 

 

Doch das ist nicht, was Jesus gemeint hat. Er will hier den Krisenstab zusammenrufen, sich vorbereiten, sich wappnen, für das was kommt. Den Himmel bestürmen. „Helft mir zu beten,“ bittet er.

 

Er bleibt ungehört. Die Anderen haben es sich auf den Parkbänken dicht nebeneinander bequem gemacht und dösen in der Dämmerung vor sich hin.

 

 

Mit der Nacht fällt die Angst auf Jesus. Er ist außer sich und fleht um Verschonung. Er will überleben. Er kämpft allein. Allein in den vier Wänden seiner Angst. Die Ahnung um das, was kommt, tobt durch seine Seele. Raubt ihm den Schlaf. Bis zur Erschöpfung. Verzweifelt und stundenlang ringt er mit dem Schicksal.

 

Bis er schließlich in den Willen des Vaters sinkt. Ein Engel setzt sich zu dem Einsamen. Summt ein Trostlied. Jesus blickt auf, sieht zum Himmel. „Dein Wille geschehe“, flüstert er.

 

Er ist bereit. Bereit das Opfer zu werden. Auch für diese Krankheit.

 

 

Das Böse hat sich schon auf den Weg gemacht. Der Feind ist heimlich, unbemerkt angeschlichen. Sitzt im Körper des Freundes. Der Kuss kommt ihm zu nah.

 

Es kein Happy End geben. Er wird nicht glimpflich davonkommen.

 

 

 

Der Freitag bricht an.

 

Tag des Sterbens. Gerüchte und Nachrichten überschlagen sich. Der Welt stoppt das Herz. Auch über Jesus wird das Todesurteil gesprochen. O Haupt voll Blut und Wunden.

 

Er wird zum Sterben außerhalb der Stadt gebracht. Golgatha. Ein Ort, der aussieht wie ein Totenschädel. Oder wie die Feldlazarette unter Planen, die Intensivstationen in abgelegenen Fabrikhallen.

 

 

Die Soldaten würfeln um Jesu Kleider. Heutzutage werden die Sterbenden zu Nummern. Ein Spiel mit dem Tod, wenn die Würfel fallen, wer der Erkrankten noch beatmet werden kann.

 

 

Dann Jesus hängt am Kreuz. Ein stundenlanger Erstickungstod. So wie die vielen schwer Erkrankten ringt er um Luft. Bis zum letzten Atemzug. Dann ist es vollbracht.

 

 

Karfreitag. Es ist die Stunde des Todes. Die Totenglocke schlägt um drei. Erinnert an Gottes Tod. Und den der unzähligen Anderen. Schon fast 100.000 Tote weltweit. Mütter trauern wie Maria. Jünger und Nachbarn sind fassungslos.

 

Nur wenige versammeln sich unter Kreuz. Auch unsere Totenbetten und Begräbnisse sind vereinsamt. Die Särge stapeln sich vor den Krematorien. Die letzte Ehre zu erweisen fällt dem Ansteckungsrisiko zum Opfer. Die Welt ist zu Tode erschrocken.

 

 

 

Der Samstag dämmert.

 

Er ist im Ausnahmezustand. Die Straßen sind menschenleer. Die Jünger und wir alle verstecken uns in den Häusern.

 

Pulsierendes Leben ist Totenstarre gewichen. Die Erfolgreichen gehen in die Knie. Nachfolger sind orientierungslos. Karrieren brechen zusammen. Wirtschaft im freien Fall. Glaube bröckelt. Existenzangst geht um.

 

Totenblass versucht der Alltag ein bisschen Normalität zu schaffen. Für Fischer, Systemrelevante und Kurzarbeiter. Für die in Quarantäne. Und für die Kinder vor dem Fernseher.

 

 

Wieviel Todesnachricht kann die Seele aushalten, wieviel Erschütterung unsere Zukunftspläne? Nicht nur Tote, noch zahlloser werden die Träume begraben dieser Tage. Mancherorts hat uns sogar die Hoffnungen verlassen und liegt in Grabtücher gewickelt.

 

 

Wir haben allesamt große Fragen: War er tatsächlich der Messias? Was kann uns jetzt noch retten? Warum lässt Gott das zu?

 

Ich habe keine Worte angesichts der Tragödie, und so sitze ich im verstummten Jüngerkreis. Und nur einige wenige haben noch die Kraft für den Weg nach Emmaus.

 

 

 

Morgengrauen. Es ist Sonntag geworden.

 

Ich werde erwachen und mich wieder im globalen Alptraum finden. Die Welt wird weiter Trauerflor tragen.

 

Vielleicht werde ich wie Maria schon zu früher Stunde tränenverschleiert durch den Garten irren und dann nicht glauben können, was ich sehe. Vielleicht werde ich heute wie eine der Frauen sein, die sich sorgt, dass der Stein vorm Grab so tonnenschwer wiegt und aus menschlicher Kraft nicht bewegt werden kann. Vielleicht werde ich wie die Jünger immer wieder zweifelnd zum Grab laufen müssen und mich neu überzeugen, dass es wirklich leer ist.

 

 

Doch auch wenn der Tod unter uns weiter wütet, so will ich heute, an diesem Ostermorgen trotzig glauben und verkünden: es ist Auferstehungstag in unserer Welt! Es geschah damals und für alle Zeit, auch für eine wie die unsere, einer für alle, ein für alle Mal.  Denn fürwahr, er hat auch diese Krankheit für uns getragen, diesen Virus besiegt, er lud auf sich unsere Schmerzen. Und durch seinen Wunden sind wir geheilt.

 

 

Mein Ostermorgen wird nichts schönreden. Er wird den Angstschweiß im Garten nicht verschweigen und nicht die Ohnmacht der Ärzte. Er wird nicht die Dornenkrone leugnen und nicht das Bangen auf den Intensivstationen. Nicht das Kreuz und nicht das Massensterben dieser Pandemie.

 

Doch er wird in unsere Mitte treten. Mitten in eine krisengebeutelte Jüngerschaft. „Friede sei mit Euch!“ Er wird mich im Garten treffen. Und an die Tür der Alten klopfen. Den Kranken die Hände halten. Strahlend. Überragend. Als ewiger Sieger. Als letztes Wort. Als unsterbliche Hoffnung. Als Überwinder und die Auferstehung. Als Gott mitten in dieser schmerzenden, leidgeprüften Welt. „Friede sei mit Euch.“

 

 

Ja, Ostern wird anders sein, da hast du recht Frau Merkel. Doch ich will Auferstehung feiern. Feiern wie noch nie. Unter Tränen und Lachen, inmitten der Angst und mit unerschüttertem Gottvertrauen.

 

 

Denn ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Ja, ich weiß!

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Kerstin (Samstag, 11 April 2020 09:43)

    Danke für's Worte finden angesichts so viel Unbegreifbarem. Und danke für's Teilen.
    Wunderschön, berührt mich sehr.