Der unverschämte Gott

 

 

Gott kommt in einer unheilen Nacht. Legt sich völlig nackt und blutverschmiert auf ein Häufchen Stroh.

 

Etwas sträubt sich in mir und will rufen: „Um Himmels Willen, Gott! Das ziemt sich doch nicht für dich!“ Doch Gott ist keiner, der seine Meinung wegen mir ändert. So hat er entschieden und schämt sich nicht dafür.

 

 

Und dann nach ein paar Jahrzehnten geht er, genauso nackt wie er gekommen ist. Erstickt hüllenlos an einem Folterinstrument. Ebenso blutverschmiert. Und wieder will etwas in mir ihn zur Ordnung rufen, denn – um Gottes Willen - ich kann den Anblick fast nicht ertragen! Doch Gott hat so entschieden und schämt sich nicht dafür.

 

Ich würde Gott am liebsten hastig in eine Windel wickeln. Ihn in weiche Babystrampler stecken, kleine schicke Anzüge oder eine ordentliche Rüstung. Und am Ende wenigstens in anständige Grabtücher.

 

 

Ich bin tatsächlich im Laufe der Jahre eine stilsichere Expertin geworden was das Verhüllen angeht. Vielleicht wurde mir das auch schon in die Wiege gelegt, denn bereits meine Vorfahren Adam und Eva bastelten sich im Paradies ein Blätterröckchen und Gott schenkte ihnen noch eine Pelzjacke obendrauf. Doch das ist eine andere Geschichte.

 

Ich kleide mich schon immer gern in Samt und Seide. Mode soll betonen was ich an mir mag, alles andere bitteschön wegmogeln und die Speckröllchen überspielen. Kleider machen Leute und ich will schließlich jemand sein. Die Viertelstunde vorm Spiegel morgens darf kaum einmal ausfallen, Hautunreinheiten sollen verborgen, der Teint ebenmäßig sein und die Wimpern länger und voller scheinen als sie sind.

 

Doch damit nicht genug, ich glänze auch sonst gerne. Mit dem was ich kann, bin und habe. Mit Erfolgen. Dem, was ich geleistet habe. Den Rollen, in die ich schlüpfe. Die mir manchmal auf den Leib geschneidert sind und wie angegossen passen. Manchmal auch nicht. Lebenslang schon feile ich an meinem Image. Schmücke mich gerne auch noch mit vielem anderem: Einem hübschen Zuhause. Guten Taten. Bekannten, die bekannt sind. Einer Bilderbuchfamilie. Das alles stimmt an einigen Tagen. Und an vielen anderen halte ich die Fassade aufrecht, trage Masken, die nichts mit Pandemien zu tun haben und hoffe, nicht entdeckt zu werden.

 

 

Und da mittendrin in meinem gut gekleideten Leben stehe ich auf einmal diesem völlig nackten Gott gegenüber. Der ungeschminkten Wahrheit. Dem einzig Makellosen mit der weißen Weste. Und dann legt er sogar diese noch ab.

 

Er soll nicht sonderlich gutaussehend gewesen sein. Er machte nichts aus sich. War zeitenweise obdachlos oder auf der Flucht. Brach die erste Karriere ab. Lebte den Großteil seiner Tage in staubigen Zimmermannshosen, und dann in der praktischen Outdoorkleidung der Wanderprediger. Er schlug keinen Profit aus seinen Wundern. Hatte kein schmuckes Eigenheim, keine Traumfrau am Arm und keinen Freundeskreis zum Angeben. Er legte sich nichts zu, hängte sich an nichts, kleidet sich nicht in Ruhm und Ehre.

 

Und mir wird plötzlich bewusst: Er ist der Einzige unter uns, der sich für sein Nichts-Sein und Nichts-Haben nicht in Grund und Boden schämte.

 

 

Und während ich mich noch genau darüber wundere, macht Gott plötzlich einen unerwarteten Schritt auf mich zu, wahrt weder Privatsphäre noch Sicherheitsabstand und späht hinter meine Fassade. Sieht tief in mein Herz, deutet auf die blinden Flecken und riecht die Leichen im Keller. Und ich, die Modebewusste, die Verkleidete, die ihre Rollen gut spielt, will wieder rufen: “Hey Gott, das gehört sich doch nicht!“ Und die Scham will schnell den Rollladen herunterlassen.

 

Doch genau in diesem Moment erklärt mir der nackte Gott seine Liebe und die Scham hält erschrocken inne, dass ihr jemand die Stirn bieten will. So etwas ist ja seit Menschengedenken nicht mehr vorgekommen. Und weil sie den Anblick des nackten Gottes auf so engem Raum nicht ertragen kann, packt sie mit verlegen roten Wangen ihren Rucksack und macht sich auf und davon. Vielleicht – so hoffe ich insgeheim - auf Nimmerwiedersehen.

 

Und Gott und ich, wir sehen uns an und lachen auf einmal unverschämt laut auf.

 

 

 

 

 

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