Als Hilda Gott auf der Kellertreppe traf

 

Der Himmel war regenverhangen und es gab kein zusammenpassendes Paar Socken mehr. Hilda Rosenkranz seufzte und wollte schon in der ersten Stunde des Tages den Mut verlieren. Die Zahnpastatube war über Nacht offen gestanden und der Mund voll verkrusteter Bröckchen. Die Milch schien alle, der Kaffee zu schwarz. Die Schuhe fühlten sich noch unangenehm feucht an vom Regen gestern und der einzige Mitfahrer an der Haltestelle müffelte aufdringlich nach ungewaschen.

 

Im Büro versuchte sie gute Miene zu machen, doch die würde sowieso niemand sehen. Frau Böhmer vom Schreibtisch gegenüber war krank, so dass der unerledigter Aktenstapel wuchs und den kümmerlichen Rest Tatendrang unter sich erdrückte. Das Sandwich aus der Kantine war matschig, die Schokolade Vorräte in der Schreibtischschublade aufgebraucht und der Busfahrer genervt.

 

Und als Frau Rosenkranz zum Feierabend hinter der Haustür direkt in eine Pfütze Katzenpipi trat, war ihr nur noch nach Heulen zumute. Doch weil man mit 47 natürlich nicht wegen solcher Lappalien in Tränen ausbricht, biss sie sich auf die Lippen, ging sie in den Keller und stöberte in der Gefriertruhe nach einem schnellen Abendessen.

 

Als sie wieder nach oben kam, saß Gott auf der ersten Stufe der Kellertreppe. Überrascht sah sie ihn an. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Oder erwartet. Und für gewöhnlich saß Gott ja auch nicht auf Kellertreppen. Doch er fand das scheinbar ganz und gar nicht ungewöhnlich. Er wischte rasch die Stufe rechts neben sich sauber. Sie setzte sich unsicher und beobachtete Gott aus dem Augenwinkel. Was tat er hier? War er verärgert, dass sie den ganzen Tag nicht an ihn gedacht hatte? Die Nerven mit ihr durchgegangen waren im Büro oder sie geflucht hatte, als sie mit dem Fuß in der Katzentoilette stand? Er schüttelte den Kopf, als könnte er Gedanken lesen.

 

So saßen sie eine Weile nebeneinander, nur ihrer beider Atem war zu hören. Frau Rosenkranz konnte zwischendurch gerade noch einen weiteren Seufzer unterdrücken. Aber weil Gott Gott war und ihn sowieso hörte, drehte er sich zu ihr und dann nahm er ihr Gesicht vorsichtig in beide Hände und sah in ihre Augen. Dann lächelte er. So wie eben nur Gott lächeln kann.

 

Hilda Rosenkranz hätte später nicht sagen können wie lange sie so gesessen hatten. Waren es fünf Sekunden gewesen? Oder zwei Stunden? Rückblickend schien es jedenfalls wie eine vollkommene Ewigkeit. Und als sich Gott schließlich Staub und Spinnweben von den dunklen Anzugshosen klopfte, und sie gemeinsam wieder nach oben gingen, da fühlte sich Frau Rosenkranz wie damals als Dreijährige, als ihre Mutter liebevoll die aufgeschürften Knie verbunden hatte. Es war, als hätte Gott auf die vom Alltag aufgeriebene Seele gepustet und sie genauso liebevoll den Schmerz vergessen lassen.

 

Und auf der Fensterbank in der Küche tanzte ein fröhlicher Sonnenfleck, als hätte der Himmel gerade die Erde berührt.

 

 

 

 

 

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