Von meiner Mutprobe zurückzukehren

 

 

Das Fernweh schien mir in die Wiege gelegt worden zu sein. Die bürgerliche Kleinstadt war schnell zu eng für große Träume. Aus mir würde keine schwäbische Hausfrau werden. Ich wollte anders leben.

 

Und so tat ich es. Mit der Hoffnung die Welt zu verbessern durchstreifte ich Litauen, lebte zwischen den blinkenden Kanälen des Amsterdamer Rotlichtviertels, schenkte asiatischen Straßenkindern meine Aufmerksamkeit, kämpfte mit Kakerlaken, predigte in Gefängnissen und hielt die Hand sterbender Aidskranker. Ich lerne mich anzupassen, umzudenken, mit Händen und Füßen zu kommunizieren und die Fettnäpfchen fremder Kulturen zu umschiffen.

 

Irgendwann verliebte ich mich. In einen, der ebenfalls ausgezogen war. In das Vereinte Königreich, das neuerdings nicht mehr zur Familie Europa gehören will. Ich folgte ihm mit Sack und Pack, lernte wieder mich anzupassen, über britischen Humor zu lachen, englischen Rasen zu schätzen und das Geschehen im royalen Königshaus zu verfolgen. Anfangs stolperte ich noch über dies oder jenes, doch irgendwann fühlte es sich nach Heimat an und wir kauften ein Stück Grund und Boden mit Backsteinhäuschen, bevölkerten es mit zwei Kindern und es hätte ruhig so weitergehen können bis ans Ende unserer Tage.

 

Wäre da nicht Gott gewesen, der nach über einem Jahrzehnt aus heiterem Himmel einen Ortswechsel vorschlug. Erst meinte mein Mann die Stimme vom Himmel zu hören. Rief Gott ihn tatsächlich zurück nach Deutschland? Anfangs war es wie ein unerwarteter Gedanke, dann eine innere Unruhe und irgendwann wurde es zu einer Überzeugung. Als mein Mann mir zögerlich davon erzählte, antwortete ich recht kurzangebunden: „Nö.“ Warum sollten wir? Ich konnte mir das ganz und gar nicht vorstellen. Ich mochte unser charmantes uraltes Haus und ich liebte die Menschen, bei denen wir sesshaft geworden waren. Ich hatte weder Heimweh noch Sehnsucht, lebte mittlerweile länger im Ausland als ich in Deutschland gelebt hatte, fühlte mich pudelwohl und bei den gelegentlichen Familienbesuchen mehr als Tourist in der alten Heimat.

 

Als ich Gott in einer stillen Stunde selbst auf seinen abwegigen Vorschlag ansprach, ließ er lediglich eine Frage in mein Herz fallen: „Wärst du bereit, mir das alles zurückzugeben für etwas, das ich dir zeigen werde?“ Da gingen mir die Worte aus und mein Herz nickte stumm.

 

So war die Entscheidung gefallen und wir machten uns auf den Weg zurück. Doch ein ganzes vierköpfiges Leben über den Kanal zu verschiffen war ein komplexes Unterfangen. Wir waren keine zwanzig mehr. Musste man in unserem Alter nochmal aus dem Boot steigen und aufs Wasser gehen?

 

Auf das geschockte „Aber warum denn?!“ unserer Freunde hatten wir keine richtige Antwort und erst recht keine Details. Das Ganze war ja auch nicht wirklich unsere Idee gewesen, also zuckten wir etwas verlegen die Schultern. Die große Liebe oder ein ordentlicher Kick für die Karriere – so etwas schien einen internationalen Umzug für die Familie zu rechtfertigen. Eine nicht beweisbare Stimme vom Himmel nicht. Manche Tage kamen wir uns wie Glaubenshelden vor, die auf Gottes Wort hin auszogen. Andere Tage (die meisten) fühlte sich das bestenfalls naiv an. Wir lernten das Kopfschütteln unserer eigenen Vernunft auszuhalten.

 

Der Umzugstermin rückte näher und es schien, Gott hatte uns nur einen einzigen Hinweis gegeben: Eine Vineyard Gemeinde im Herzen Deutschlands, in Würzburg. Wir kannten die Gemeinde nur flüchtig – aber ein Bauchgefühl sagte uns, hier am richtigen Platz zu sein. Aus Bauchgefühl wurde zaghafte Gewissheit. Und weil man irgendwo damit anfangen muss, ein neues Leben zu bauen, schlugen wir hier den ersten Pfahl in den Boden. Würzburg würde also unsere neue Wahlheimat sein. Auch wenn mich immer häufiger eine leichte Panik beschlich. Man braucht schließlich noch etwas mehr zum Überleben als eine Gemeinde. Etwas wie Job, Haus oder Kindergartenplätze.

 

Wir verschenkten Kochlöffel, Sessel und Kronleuchter, trennten uns von Liebgewordenem, Ebay wurde unser bester Freund. Wir erstanden ein linksgesteuertes Familienauto. Wir taten vieles zum letzten Mal. Wir feierten was uns geschenkt worden war mit rauschenden Abschiedsfesten.

 

Noch sechs Wochen bis zum Umzug. Mit etlichen Fragezeichen im Koffer benutzten wir die erste Woche, um nach Würzburg zu fliegen – mit der Hoffnung auf Antworten.

 

Ich hatte vom Hörensagen vernommen, dass deutsche Kinder über 18 Monaten Anspruch auf Kitaplätze haben. Also wiegte ich uns diesbezüglich in Sicherheit, bis die Dame auf der städtischen Behörde laut auflachte und mich ans Ende der Schlange aller noch für Jahre wartenden Eltern bat. Sie zeigte auf die Liste noch ungeborener, aber bereits registrierter Kinder. Ich sei mit meinen Töchtern etwas spät dran. Unser Kindergarten in England war der beste am Platz und der Besuch heißgeliebt. Mir sank das Herz in die Hose.

 

Für die wenigen freien Wohnungen mussten potentiellen Vermietern deutsche Gehaltnachweise vorgelegt werden – so etwas besaßen wir nicht. Lediglich die jeweils mindestens 80 Mitbewerber konnten die Wohnung besichtigen. Schließlich stellten mitleidige Nonnen unserer verzweifelten Suche am Ende der Woche vorübergehendes Asyl in einem katholischen Kloster in Aussicht. Wir atmeten auf. Zumindest hatten unsere Umzugskisten schon mal eine Lieferadresse.

 

Mein Mann verabschiedete sich aus seiner gut bezahlten Selbstständigkeit als Musiklehrer. Hatte er sich über viele Jahre einen Namen in der Branche macht, war der erfolgreiche Familienversorger nach einem Besuch auf dem deutschen Arbeitsamt plötzlich schwer vermittelbar. Denn das BWL-Diplom hatte inzwischen Eselsohren und keine Berufserfahrung mehr, doch für musikalisches Talent gab es auf schwarz-weiß leider keinerlei Qualifikationsbeweise. Ausländische Referenzen waren nicht gefragt. Die deutsche Bürokratie hatte uns eingeholt.

 

In einer öden Ferienwohnung mit deutscher Einbauschrankwand kurierten unsere Kinder in dieser Woche schließlich unvorhergesehen Windpoken aus und wir Großen fühlten uns alles andere als siegessicher. Noch fünf Wochen. Diese vergangenen Tage hatte uns zwei Dinge klar gemacht: Ab jetzt waren auf Wunder angewiesen. Und gleichzeitig wuchs in uns eine merkwürdige Sicherheit, mit Gott auf dem richtigen Weg zu sein.

 

Schließlich dämmerte der Tag X, wir winkten im Morgengrauen unseren Habseligkeiten hinterher. Germanwings hob ab und ein paar Stunden später purzelten wir in ein neues Leben.

 

Um 6.00 Uhr früh bimmelte das Klosterglöckchen und durchs offene Sommernachtsfenster hörte ich mir fremde Ave-Maria Gesänge und dann ein leise georgeltes „Gott ist gegenwärtig“. Mein verschlafenes Herz murmelte: „Ein Glück“.

 

Mein Mann startete eine neue Karriere und ist ein glücklich Singender geblieben. Ich arbeite jetzt, wovon ich damals in England tagträumte: „Ach, wäre das nicht schön?“. Unsere Kinder lernten eine neue Muttersprache. In einem wunderbaren Kindergarten. Vom ersten Tag an. Einer vergaß die alles entscheidende Frage nach sechs Monaten Gehaltsnachweisen zu stellen – und vermietete uns ein deutsches Reihenhäuschen. Vielleicht hört sich das nach einem durchschnittlichen Leben hierzulande an. Für uns war es ein Wunder.

 

Vier Jahre sind unserem Umzug vergangen. Ein neues Leben aufzubauen - auch im verheißenen Land – dafür gibt es keine Abkürzungen. Es braucht Zeit. Für Beziehungen. Für Wurzeln. Es gab Glückstaumel und Euphorie. Und dazwischen nicht wenige Tränentäler. Blasen an den Füßen und Vermiss-Momente. Unsere Wunschliste ist noch lang und manche Träume träumen wir auch weiterhin. Wir haben viele Schritte gemacht und manche korrigiert.

 

Ich bin tatsächlich weit entfernt mich mit Abraham zu vergleichen, aber etwas verbindet mich mit ihm: Der erstaunte Blick, als Gott damals den Ortswechsel vorschlug. Würden Abraham und ich uns trotzdem wieder auf den Weg machen? Wir müssten wahrscheinlich beide nicht lange überlegen. Die Antwort wäre: Ja! Denn wenn man Liebgewonnenes verlässt auf Gottes Stimme hin, wenn die Adresse unklar ist und es dauert bis man wieder verwurzelt ist, dann passiert manchmal unterwegs etwas Unerwartetes: Das Herz beginnt sich bei Gott ein Nest zu bauen. Es spielt plötzlich keine so große Rolle mehr wohin man gehört, sondern zu wem. Man findet sein Glück außerhalb der eigenen vier Wände und wird im Vertrauen auf Gott heimisch. Und dann zieht man seine Kinder groß in einem neuen Land und lehrt sie über Glauben und Vernunft, Sicherheit und Abenteuer. Und Zuhause sein in Gott.

 

Und das alles ist mehr als die Reise wert.

 

 

 

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